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Flohzirkus Birk
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Die schwäbische Zeitung Zeit & Welt berichtete 1991

Floh, aber oho!

… was man so klein doch leisten kann!

Mein lieber Schwan: Deutschlands letzter Flohzirkus auf dem Münchner Oktoberfest

Gruß vom Flohzirkus

Ach du liebe Güte! Tierquälerei! Was machen den die Tierschützer, wenn sie einen Floh haben? Hans Mathes blickt siegesgewiss in die Runde, presst den rechten Daumen auf die Tischplatte und führt damit eine energische Drehung aus. Knacks! Knacks machen die Tierschützer, wenn sie einen Floh haben. Bei ihm dagegen dürfen die Tierchen Wägelchen ziehen, kleine Karussells anschieben, Kügelchen in ein Fußballtor schießen. Und dass seine Artisten mit einem dünnen Draht zwischen dem ersten und dem zweiten Beinpaar an ihre Arbeitsgeräte gebunden sind, was soll´s. Nicht mal beim WWF, beim Wold Wildlife Fund, dem mit dem Panda im Wappen, steht der Floh unter Schutz, weil Flöhe nämlich keine Wirbeltiere sind, sondern Parasiten. Und Parasiten – Knacks!

Die Frage mit der Tierquälerei

Die Frage mit der Tierquälerei, weiß Hans Mathes, kommt fast in jeder Vorstellung. Doch der routiniert servierte Hinweis des Zirkusdirektors, dass so ein Floh nicht mal vom WWF erfasst sei, beruhigt die sensiblen Gemüter im Publikum prompt. Wie schön: Der Jux ist moralisch bedenklich. So sicher wie das mit der Tierquälerei, so sicher kommt auch der erste Lacher. Und zwar wenn Mathes sagt, dass die Flöhe angebunden sind, dass also keiner auskommen kann. Dann macht er eine Kunstpause und fährt fort: „Aber einkommen dürfen gern welche. Wenn Sie also mal so ein Urlaubs-Souvenir haben, das können Sie bei mir in Pension geben.“ Da kommt Stimmung auf, und ein paar Witzige fangen schlagartig an, sich am ganzen Körper zu kratzen.

Hier hab ich mal so einen kleinen Artisten

„Hier hab ich mal so einen kleinen Artisten“, sagt Mathes währenddessen ungerührt und reicht einen Floh ins Publikum. Vielmehr reicht er die Turmfigur eines Schachspiels herum, auf dem ein kleiner Galgen aus Draht errichtet ist. Am Ende des Galgens baumelt ein noch dünnerer Draht. Und daran zappelt ein winziges dunkles Pünktchen. Unter der Lupe entpuppt sich besagtes Pünktchen als zotteliges Etwas – als einer dieser sechsbeinigen Parasiten eben. Fünf davon gehen auf ein Milligramm. Arbeiten tut Mathes nur mit Weibchen, weil die doppelt so groß sind wie Flohmänner. Bis zu einem Meter weit könnte so ein Winzling springen. Wenn man ihn springen ließe. „Das, wenn der Mensch leisten wollt“, sagt der Zirkusdirektor, „wär´ er mit einem Sprung über England“. Mit drei Sprüngen an der Südspitze von Afrika. Und mit 17 rund um den Globus. Mein lieber Schwan.

 

Im Halbkreis ist das Publikum im Flohzirkus vor der Bühne versammelt.   

Im Halbkreis ist das Publikum um das kleine Podest im Zirkuswagen versammelt. Kinder bitte nach vorne. Hans Mathes sitzt hinter dem Podium, dessen vordere Hälfte eine Mini-Landschaft mit Häuschen, Bach, Windmühle und Bäumchen darstellt. Dahinter eine weiße Fläche – die Rennbahn. Der Phantasie ist angesichts dieser putzigen Anlage Tür und Tor geöffnet.

 

Doch soll sich zeigen, dass im Lilliput-Land überhaupt nichts stattfindet. Kein Floh winkt aus einem Häuschen. Keiner passiert die Brücke. Die Ortschaft bleibt leblos. Tot. Eine Floh-Geisterstadt. Aber das weiß im Publikum noch keiner. Und wenn sie´s wissen, nach zehn Minuten, ist die Vorstellung eh vorbei. Hans Mathes holt ein Mini-Karussell nebst angeleinten Floh hervor. „Das ist August der Starke, vielmehr Augustine, weil´s ja lauter Flohdamen sind“, sagt er und umrundet die ganze Chose mit der großen Lupe: Augustine trabt im Kreis und treibt das Karussell in der Mitte an. Wer genau guckt, glaubt sie pumpen zu sehen. Bangemachen gilt nicht, aber wenn Mathes mit der Lupe auf den Tisch klopft, legt Augustine ´nen Zahn zu.

Rein in die Schublade, raus aus der Schublade

Rein in die Schublade, raus aus der Schublade. „Hier haben wir Fridolin und Theodor.“ Mathes hält Fridoline an einer Schachfigur über eine winzige Styropor Scheibe, sie nimmt die Scheibe auf und dreht sie im Kreis. Theodor greift Bällchen auf und katapultiert sie in ein Fußballtor. Die Trefferquote ist hoch. Mathes hat den Theodor sauber justiert. „Sie sehen“, sagt der Zirkusdirektor, „dass man mit viel Geduld auch so kleinen Tierchen unterschiedliche Sachen beibringen kann.“ Von der Dressur lässt sich bei einem Floh aber eigentlich nicht sprechen. Er nimmt zum Beispiel kein Zuckerstück zur Belohnung. Sehr viel aber ist mit Licht zu bewirken: Helligkeit schätzt der Floh überhaupt nicht, für Dunkelheit ist er dankbar. (Dass Theodors Torschüsse nichts anderes sind als der sozusagen in umgekehrte Richtung gelenkte Drang des angebundenen Flohs, weg zuspringen: dieses Betriebsgeheimnis soll hier höchstens in Klammern verraten werden.)

Rein in die Schublade, raus aus der Schublade

Rein in die Schublade, raus aus der Schublade. „Jetzt hab ich hier“, sagt Mathes und fährt mit der Pinzette ins Artistenlager, „den Fritz mit der Luxus-Karosse, den James mit der Ausfahr-Kutsche von der Königin Elisabeth und den Hans mit der Perlenkutsche“. In Wirklichkeit sagt Mathes „Berlenkutsche“, mit weichem „B“, weil er nämlich aus Nürnberch kommt Aber egal. Jedenfalls, die Genannten, jeder an eine Mini-Kutsche geschirrt, werden auf die helle Rennbahn gestellt und ziehen los. In Richtung Dunkelheit. Hans mit der Berlenkutsche braucht eine extra Einladung. Das Klopfen mit der Lupe macht ihm Beine.

James Floh zieht die Ausfahrkutsche der Königin Elisabeth

Die Gespanne sind noch auf Tour, da holt Mathes zwei zu spitzen Tütchen gedrehte Bonbon Papierchen hervor. Ein silbriges und ein grünes: Gretl und Resl. Zu sehen ist von den beiden zwar nichts. Aber sie müssen drunter sein, weil die Hütchen wackeln. „Das ist unser Ballett“ erläutert Mathes. Und mit dieser Auskunft sollte man es besser bewenden lassen. Und sich lieber nicht ausmalen, wie es Gretl und Resl zumute sein mag unter ihrem Ballett-röckchen, die eigentlich große Mützen sind.

Hans lässt die Hinterbeine schleifen

Einer, dessen Lage auch nicht gerade rosig dünkt, ist Hans vom Berlenwagen. Er läßt die Hinterbeine schleifen. Das ist, sagt Mathes, kein gutes Zeichen. Überhaupt kein gutes Zeichen. Zwar versichert er, dass er versuchen will Hans hernach beim Essen fassen aufzupäppeln. Weswegen er ihr nicht unten am Arm ansetzen werde wie die Gesunden, sondern weiter oben, wo die Haut dünner und das Blut leichter anzuzapfen ist. Ob der Zirkusdirektor für den fußkranken Wagenlenker aber nicht doch eine andere Behandlung wählt – mit dem Segen des WWF notabene! -, muss offen bleiben. Augenzeugen wird es bei der Therapierung jedenfalls nicht geben. Weil beim Füttern absolute Ruhe notwendig ist. Wenn die Tiere nämlich gestört werden, saugen sie nicht jenes Serum wieder ein, dass sie zuvor in den Arm gespritzt haben. Und dann juckt´s.

Die Fütterung

Alle vier Stunden ist Fütterung der Raubtiere. Dann hält Mathes den Arm hin und setzt die ganze Truppe darauf, samt Arbeitsgerät. Wer nichts tut, sondern sich als Ersatzmann in der dunklen Schublade einen schönen Lenz macht, kriegt nur einmal am Tag was. Die anderen sind nach dem Auftritt so groggy, dass sie sogar nachts auftanken müssen. „Wenn die anderen Schausteller abends das dicke Geld zählen“, sagt Mathes, „sitz ich da und tu die Flöh füttern“. Da braucht sich keiner zu wundern, daß Flohzirkus-Direktor ein aussterbender Beruf ist. Wenn nicht alles täuscht ist Mathes heute sogar der letzte in ganz Europa. Und er macht es auch nur noch auf dem Oktoberfest.

 

Ingrid und Hans Mathes vor dem Zirkuswagen   

Im Zivilleben ist Mathes Industriekaufmann. Für den Flohzirkus opfern er und seine Frau Ingrid, die an der Kasse sitzt, den Jahresurlaub. „Solang ich noch gute Augen und eine ruhige Hand hab“, sagt er, „tu ich´s weitermachen“. Aus Familientradition. Mathes weiß gar nicht, wie viele Generationen seiner Vorfahren schon dem Schausteller-Gewerbe nachgingen. Jedenfalls etliche. Der Vater hat seine Artisten auch noch selber gezüchtet. Wie oft ist er dagesessen, die nackten Beine in Emaille-Eimern stecken, die mit Sägemehl gefüllt und oben mit Lumpen abgedeckt waren. Das reinste Floh-Paradies. So eine Floh-Zucht war irgendwie denn doch nicht Hans Mathes´ Fall. Aber den Zirkus hat er übernommen. Freilich sind die Auftritte weniger geworden, bis nur noch das Oktoberfest übrig blieb.

 

Das heißt: gelegentlich tritt die Truppe auch außer der Reihe auf. Mal im Fernsehen. Oder bei einer Hochzeit. Einmal ist er auf einer Fachmesse gewesen, für die Bayer-Werke. Die hatten da ein neues Mittel gegen Flöhe vorgestellt.

Auch das Programm ist gegenüber früher geschrumpft. Beim Vater waren zum Beispiel noch Kampfwagen im Einsatz. Und die Mühle im Lilliput-Dorf war flohgetrieben. Mag sein, dass Mathes Senior seine Vorstellungen auch mit etwas mehr Enthusiasmus abgewickelt hat als Sohn Mathes, der eher zum lapidaren Vortrag neigt. Die Infos über den Floh als solchen freilich, die in jede Vorstellung einfließen, sind identisch geblieben. Zum Beispiel, daß der Mensch, quasi auf Floh-Verhältnisse umgerechnet, mit einem Sprung über England, und mit 17 um die ganze Welt sein müsste: Das hat schon der Vater immer dazugesagt. Genau so. Warum sollte der Sohn plötzlich nachrechnen?

Jahresverbrauch: Um die 180 Stück

Wie gesagt: der alte Mathes züchtete noch selber. Der Sohn rekrutiert seine Artistenriege vom Münchner Tropeninstitut. Um die 180 Stück werden pro Saison gebraucht. Die Artisten-Ersatzbank ist lang. Ein Floh-Leben hingegen, das auch in Gottes freier Natur höchstens ein Jahr währt, unter Umständen kurz. Vereinzelt gehen bei der Flohdirektion aber auch Tierchen von privaten Gönnern ein. Auf postalischem Wege, schön in einem Wattebausch plaziert. (Bitte nur Menschenflöhe, weiblich.)

 

Der Flohzirkus auf dem Oktoberfest

 
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