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Flohzirkus Birk
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Das Wochenmagazin berichtete 1977

Kleinster Artist von Welt

Der Flohzirkus lebt – Hans Mathes besitzt den einzigen von Europa.

Es ist nicht schicklich, einen zu haben. Und meist auch unangenehm. Dabei ist so ein Floh ein ganz manierliches Tierchen, man muß es nur zu nehmen wissen. Am besten geht das in der Badewanne. Man legt sich ins Wasser, wartet, bis der Floh an der Oberfläche treibt, hebt ihn vorsichtig heraus, legt ihn in eine Streichholzschachtel — und bringt ihn Hans Mathes. Er weiß ihn zu schätzen, mit ihm umzugehen. Er dressiert diese Winzlinge mit sechs Beinen für seinen Flohzirkus, den einzigen in Europa. Aus Tradition und Berufung. Die Kunst erlernte ,er von seinem Vater, dieser vom Großonkel. Damals zählten die Flöhe noch zu den gewöhnlichen Haustieren. Hans Mathes dagegen hat Nachwuchssorgen; er muß seine Artisten von weit her beziehen, meist vom Tropeninstitut Hamburg. 500 bis 600 pro Jahr, der Verschleiß ist groß.

Auch der Aufwand des Dompteurs, der acht  bis zwölf Wochen eisern mit seinen Künstlern trainiert, bis sie endlich wissen, wo´s langgeht, und er sie mit auf Tournee nehmen kann. Auf die Volksfeste der großen bundesdeutschen Städte, auf die Rummelplätze und Märkte. -- Aufgezäumt am feinsten Golddraht ziehen sie dann zur Verwunderung und Gaudi des verehrten Publikums zierliche handgeschmiedete Karossen, drehen Karussell und Mühle, bewegen Feuerspitze und Leichenwagen, tanzen als zierliche Ballerinen in Stanniolverpackung. Geglaubt habe ich's natürlich.nicht, als man mir sagte: da gäbe es -in Nürnberg einen, der Flöhe dressiert. Klar, und Mäuse husten läßt.

Feinste Goldschmiedearbeiten gehören zur den Zirkusrequisiten

Doch Hans Mathes besitzt wahrhaftig einen Flohzirkus und das nötige Know-how. Vor ein paar Jahren. entschloß sich der gelernte Autoschlosser, das Erbe seines Vaters anzutreten, den Familienbetrieb zu übernehmen. Peter Mathes hatte sich vom Geschäft zurückgezogen, seiner Augen wegen.

Sohn Hans (30 Jahre), eines der sieben Kinder, müßte das schwierige Handwerk nicht Erst Zug um Zug erlernen. Er ist sozusagen mit Flöhen aufgewachsen, hat bereits als kleiner Junge seinem Vater assistiert „Wir sind Schaustellerkinder, wir waren immer dabei, und Flöhe haben wir natürlich auch gehabt: „Nicht immer zur Freude der Banknachbarn in der Schule. Damals züchtete der Vater seinen Flohnachwuchs noch selbst im Eimer. Nun, einen  Sack voll Flöhe zu hüten, ist sicher leichter.

Begründet wurde die Zirkusdynastie von Roloff Ottava, dem Sohn des Polizeidirektors in Brünn (Mähren). Seine ungewöhnliche Geschichte hat in den vierziger Jahren Dr. Bernhard Grzimek in der „Neuen Frankfurter Illustrierten" publik gemacht. Als Roloff noch ein Knabe war, las er, daß im mittelalterlichen England ein Kapuzinermönch öffentlich als Hexenmeister verbrannt worden war, weil er behauptete, den Flöhen  beigebracht zu haben, die Sprache der Menschen zu verstehen, sich von ihm kommandieren zu lassen. Die fixe Idee setzte sich fest; der Junge besorgte sich Flöhe, zog heimlich hauchdünne Fäden aus der güldenen Uniformlitze seines Vaters, band die Tierchen daran fest und gewöhnte ihnen, die sich normalerweise springend vorwärts bewegen, eine manierliche Gangart an, brachte Sie dazu im Vergleich zu ihrem Körpergewicht ungeheure Lasten zu ziehen.

Der Flohzirkus in der Nachkriegszeit: Peter Mathes (sitzend) mit seinen Kindern vor Publikum

Roloff nicht in den Staatsdienst, er wurde auch nicht verbrannt, sondern bald berühmt. Mit seinen Flöhen reiste er um die ganze Welt, gastierte vor Kaisern und Königen, wurde als Attraktion bei Hofe gefeiert. Irgendwann, aus einer Laune heraus, ließ er sich von Kopf bis Fuß tätowieren und ging als „Der blaue Mensch" in die Schausteller-Geschichte ein.

Nachfolger wurde sein Verwandter Peter Mathes, der die Kleinkunst im kleineren Rahmen, vorwiegend im deutschsprachigen Raum betrieb, doch an dem Vorführungsprogramm kaum etwas änderte. Auch Hans Mathes tat das nicht. Er übernahm mit sämtlichen Requisiten, feinste Goldschmiedearbeiten — ,,ein paar sind uns allerdings gestohlen worden" — auch die gute alte Flohschule, blieb der Tradition treu. Nur: die Zeiten haben sich geändert. Stimmte früher noch die Sache mit der Symbiose von Flöhen und Menschen, so ernähren die Tierchen heute nicht mehr ihren Mann.

Sicher, die Nostalgie gibt der Attraktion von Anno dazumal wieder Auftrieb. Von überall her kommen Angebote, aus Bremen vom Freimarkt, aus Berlin, wo seit 15 Jahren kein Flohzirkus gastierte. Die Leute wollen .sie wieder sehen, die zersägten Jungfrauen, die Eisenfresser, Hundehalter, Schwertschlucker die Damen ohne Unterleib. Sie wollen nicht mehr nur in die Luft gehen, sich an der Technik erfreuen. Hans Mathes fuhr hin, doch außer Spesen und einem erfreuten Publikum brachte es kaum was ein.

Ein Kettenkarussell kann sich schier ununterbrochen drehen, die Flöhe wollen alle drei Stunden eine Stunde lang gesäugt werden. Hans Mathes muß sie sich auf die Haut setzen und ausharren, bis sie satt sind. Seine Frau hilft ihm dabei, doch so beherrscht wie er ist sie noch nicht. „Es juckt überhaupt nicht, wenn man sich nicht bewegt, sich nicht automatisch kratzt. Erst dann sondern die Flöhe ein Sekret ab, das den Juckreiz verursacht, die Quaddeln und  roten Stellen."

Fünf bis sechs Garnituren á zehn Flöhe lässt er in einer Vorstellung auftreten. Flohweibchen, die 'er halbjährig bekommt, drei Monate trainiert und nur ein Vierteljahr einsetzen kann. Dann neigt sich - so ein Flohleben dem Ende. Männchen sind der Aufgabe nicht gewachsen, sie sind zu klein und schwach. Hans Mathes erkennt seine potentiellen Artisten daran, daß sie ihr Hinterteil nach unten tragen und den Männchen nachlaufen. Sie ziehen das zwanzigtausendfache ihres Körpergewichts, 35 Gramm (zehn bis 15 Flöhe wiegen ein  Milligramm).

„Der Flöh ist das stärkste und schnellste Lebewesen der Welt", informiert der Zirkusdirektor die staunenden Zuschauer. „Wäre der Mensch so stark wie der Floh — im Vergleich zu seinem Gewicht --- könnte er mit einem Sprung auf den Mont Everest hüpfen, mit drei Sprüngen nach England, mit 17 um die ganze Welt."

1000 Reichsmark Belohnung versprach sein Vater noch demjenigen, der beweisen kann, daß „die Flöhe nicht lebend sind". Solche Anreißer ziehen heute nicht mehr. Auch nicht eine Prämie pro Floh. „50 Pfennig hat mein Vater damals ausgesetzt, und die Leute suchten zu Hause unter den Dielen nach Flöhen, machten Jagd auf sie." Die PVC-Böden schaffen ein weniger günstiges Klima. Dennoch kommen die Leute mit allem möglichen Getier zu Hans Mathes. „Nur Menschenflöhe sind selten dabei, dafür Wanzen und Schnaken."

In München auf dem Oktoberfest -- „dort habe ich mein bestes Publikum" — brachte eine Frau ein Einmachglas an mit einer Leiter, einem Salatblatt darin - und einem Floh. Er wurde ein gelehriger Schüler.

In Nürnberg will Hans Mathes in Zukunft nicht mehr gastieren; das Publikum ist wenig interessiert. Gern würde er einmal die Erlanger Bergkirchweih besuchen, aber von dort , kam abschlägiger Bescheid. Und arbeitslos ist er zur Zeit auch noch. Als er einmal Tankwart spielte und Robert Lembke bediente, fragte er einmal zaghaft an von wegen heiterem Beruferaten. Der Quizmaster lächelte freundlich er hat's wohl nicht geglaubt.

Am hauchdünnen Golddraht aufgezäumt zieht der Floh den bayrischen Karren.

 
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