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Flohzirkus Birk
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Hereinspaziert

HundKatzePferd - Ausgabe 1/09

 

Peter Gg. Mathes, 67 Jahre, OStR. i.R., war von 1955–1963 mit Vater Peter Mathes jeweils auf dem Oktoberfest. Nach der Bundeswehr war er selbstständiger Drogist bis 1979, es folgte ein Studium an Fachhochschule und Universität zum Dipl.-Hdl. Als sein Bruder erkrankte, machte er 2003 und 2004 einen Flohzirkusstopp in München. 2005 stieg Mathes mit Partner Robert Birk in den Schaustellerberuf ein. Beide betreiben seither den Flohzirkus auf dem Oktoberfest, 2007 drei Wochen auf der Basler Herbstmesse.

„Hier sehen Sie Pulex irritans, den Menschenfloh, von Herrn Direktor Mathes persönlich vorgeführt.“, so klingt es aus dem Lautsprecher des wohl kleinsten Zirkus, der jedes Jahr auf dem Oktoberfest gastiert. „Ob im Flohzirkus auch gelegentlich ein Floh im Publikum untertaucht?“ Warum nicht? Direktor Mathes erzählt schmunzelnd: „In den beiden letzten Vorführungen auf der Wies’n öffne ich die „Büchse der Pandora“ und gebe meinen Lieblingen wieder ihre Freiheit.“

Historie

1948 übernahm der Vater, Peter Mathes sen., den Flohzirkus von seinem Groß­onkel Roloff Otava, da dessen Augen mit 70 Jahren nicht mehr so recht mitmachten. In der Neuen Frankfurter Illustrierte, Ausgabe Nr. 3 vom 14. Oktober 1948, lesen wir in einem Interview von Dr. Bernhard Grzimek mit Otava, dass dieser schon 1898 seine Raubtiere im Londoner Schloss der alten Königin Viktoria vorführte und dafür fünf Goldpfund erhielt. Auch Papst Leo der XIII. und Kaiser Wilhelm II. bestaunten seine Flohdressuren. Er war auch der erste, dessen kleine Wagen aus Kupferblech gefertigt waren; er sei Lehrer für viele andere Flohdompteure gewesen, denn um die vorletzte Jahrtausendwende gab es auf zahlreichen Volksfesten einen Flohzirkus. Flöhe gab es ja genug.

Woher kommen die Flöhe?

Mathes sen. war es leid, immer wieder auf Flohlieferanten zu warten und gründete deshalb seine eigene Zucht von Menschenflöhen. Jeden Abend stellte er seinen Fuß in den Zuchtbehälter, einen 10 L Marmeladeneimer. Während sich die Flöhe verköstigten, las Vater Mathes die Zeitung. Unvermeidlich, dass manch neugieriger Floh auch den Oberschenkel erkunden wollte, gab es dort nicht das bessere Blut? Und bevor noch die Hand des Nährvaters das kribbelnde Etwas wieder in den Zuchtbehälter streifen konnte, fand der eine oder andere doch den Absprung, direkt in die Betten eines der sieben Kinder. Günter und Peter waren besonders empfänglich, so waren sie jeden morgen gezeichnet von den Fressorgien der kleinen Vampire. Die Mutter stellte ein Ultimatum: Deine Flöhe oder ich gehe mit meinen Kindern! 1953 sind die Menschenflöhe schon sehr rar. Er hat Angst um sein Geschäft. Eine neue Zeit beginnt im Flohzirkus mit den Hundflöhen, den neuen Stars in der Manege.

Vom Hund auf den Igel gekommen

2004 dreht Andreas Jaschke an der Filmhochschule in München den Streifen: „Ludenmann macht fertig.“ Dazu benötigt er unbedingt ein Floh-Wagenrennen. Studentinnen haben drei Igel aus dem Park besorgt und sind eifrig dabei, den Stacheltieren die Flöhe abzunehmen. Große Zweifel bedrängen Mathes, ist es doch das erste Mal, dass er mit Igelflöhen arbeiten soll. Doch es klappt, das Wagenrennen ist nach vier Stunden im Kasten. Eine gute Gelegenheit, den Unsinn aus der Welt zu räumen, wie Flöhen das Springen abgewöhnt werden soll. In Meyers Konversationslexikon, 5. Aufl. 1897, S. 564 steht: „Der Floh läßt sich abrichten; durch Einsperren in flachen Dosen gewöhnt man ihm das Springen ab, spannt ihn dann mittels feiner Kettchen an kleine Wägelchen etc.“ Richtig ist, dass sich der frei lebende Floh auf seinem Wirt krabbelnd fortbewegt. Seine flache, aufgestellte Form ermöglicht es ihm, sich besonders schnell zwischen den Haaren fortzubewegen. Der Floh hüpft auch, aber nur, wenn er seinen Wirt verlassen hat um einen neuen Wirt zu finden oder wenn er in Deckung geht.

Lebenslang am Halsband

Der Floh braucht ein Halsband. Dem Interview von Dr. Grzimek ist zu entnehmen, dass Otava die goldenen Fäden den Litzen der Uniform seines Vaters entnommen hat. Wir lassen uns von Leoni-Draht beliefern, genau abgestimmt sind Härtegrad und Stärke der Legierung. Gold ist nicht enthalten, für die kurze Lebensdauer am „goldenen Halsband“ sind durch den Kupferdraht keine Beeinträchtigungen zu erwarten. Der Drahtfaden wird zu einer Schlinge zusammengedreht, der Floh mit der Pinzette zwischen Daumen und Zeigefinger platziert und nun muss „nur“ noch die Schlinge über den Kopf gezogen werden. Doch darin liegt die größte Schwierigkeit, denn von der Präzision hängt es ab, was der Floh später leisten und wie lange er Dienst tun kann. Der Floh besitzt einen schmalen, glatten und harten Kopf, sodass er leicht durch die Schlinge passt, doch genauso schnell ist er auch wieder draußen. Mit Feingefühl ist die Schlinge zusammenzudrücken. Konrad Lorenz [1] spricht von Reflexen, wenn bestimmten Abläufen ein „Reflexboden“ zugrunde liegt, d.h., der Vorgang wird im Zentralnervensystem gesteuert. Bei der „Dressur“ im Flohzirkus benutzen wir instinktmäßige Reaktionen, insb. Flucht- und Abwehrhandlungen. So versucht z.B. der Floh aus der Gefahrenzone, bestehend aus Licht oder Vibration, in die beruhigte Zone dunkles Versteck) zu kommen. Wir sprechen deswegen auch fälschlicher Weise von einem Belohnungssystem, wenn wir die Artisten nach getaner Leistung in ihre Schubläden zurücklegen.

Der Floh, das stärkste Lebewesen

„Die Flöhe ziehen Karussell, jonglieren, fahren kleine goldene Kutschen; Basti Flohsteiger spielt sogar Fußball auf Kommando.“ Wer hat sich schon die Mühe gemacht, einen Floh zu wiegen? Dr. B. Grzimek geht in seinem Artikel davon aus, dass ein Floh (hungrig) etwa 25 mg wiegt. Beim Fressen kann der Floh Größe und Gewicht verdreifachen. Vergleichen wir dies mit einem Gewicht von nur 50 kg bei einem Menschen, so ergibt sich ein Verhältnis von 1 zu 2.000.000. Bei einem Hochsprung von 10 cm entspräche dies einer Höhe von 200 km, bei einem Weitsprung von 50 cm einer Entfernung von 1.000 km. Eine besondere Leistung erbringt unser Fußballstar. Basti Flohsteiger schießt seinen Ball aus Holundermark bis zu 10 cm weg gerade ins Tor hinein. Dabei erhält der Ball eine Geschwindigkeit von ca. 4 G. Bei der Sprungbewegung spannt sich der Floh wie eine Armbrust. Zum Sprungansatz drückt er mit seinen Beinmuskeln zwei Bällchen aus Resilin zusammen, einer ungemein elastischen Substanz und verankert Körper und Beine miteinander. Löst er nun diese Sperre, katapultiert er sich mit fast unvorstellbarer Geschwindigkeit los. „Wie bringen Sie das den Flöhen bei?“, so die Frage aus dem staunenden Publikum. Basti, unser Fußballstar schleudert seinen Ball aus Holundermark bis zu 10 cm weg, Fridolin, ein kleiner Rastelli, hält die Scheibe aus Holundermark und jongliert sie herum. Doch das soll weiterhin Betriebsgeheimnis bleiben.

Wie werden die Flöhe ernährt?

Was die Flöhe fressen ist leicht zu beantworten. Als Parasiten saugen sie Blut beim jeweiligen Wirt. Sicher gibt es weltweit noch über 1.000 Flohsorten, denn fast jedes Lebewesen hat bzw. hatte seinen eigenen Floh, welcher nur im Notfall auf einen anderen Ernährer ausweicht. Solch ein Notfall ist der Flohzirkus. Jeglicher Chance beraubt, auf die angestammte Futterquelle zu kommen, muss sich der Floh mit Menschenblut zufrieden geben. Oft ist es der Dompteur selbst, der dreimal am Tag seinen Arm zur Verfügung stellen muss, damit die kleinen Vampire zustechen können. Besonders komfortabel kann die Flohmannschaft dabei nicht speisen, denn ihren Arbeitshabitus dürfen sie nicht beiseite legen; so sitzt die Wagenparade vereint mit dem Flohballett auf dem direktorialen Arm, um die Kraft der zwei Herzen in sich einzusaugen. Es ist 24 Uhr – auf dem Oktoberfest sind alle Lichter aus. Direktor Mathes verschwindet mit einem kleinen Schächtelchen zwischen den Wohnwagen. „Ich gehe jetzt mit meinem Harem schlafen“, sagt er. Er kann nämlich nur die großen und kräftigen Flohweiber, nicht die schwächlichen Männchen für seine Dressur gebrauchen.

      Parasiten als Showstars - Hereinspaziert      Hereinspaziert - Parasiten als Showstars

 

Literatur: [1] Konrad Lorenz; Mensch und Tier, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes; R. Piper & Co. Verlag Mchn. 1965/1973, S. 105 f.

 
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