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Flohzirkus Birk
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 Die Eichstätter Volkszeitung berichtete 1949 über den Flohzirkus


„Wiesnkönig ist der Floh“

 

Direktor Mathes zieht eine Schuhwichsschachtel aus der Hosentasche. „Suchen Sie Streichhölzer?“ frage ich. Er hat eine kalte Zigarre zwischen den Fingern. „Bitte hier!“ „Danke, ich will Ihnen ja doch meinen Zirkus zeigen.“ Und auf ist die Schachtel. Ich krebse. „Gotteswillen, die werden doch nicht herausspringen!“ An den beiden Pulsen fängts mir schon zu prickeln. „Keine Sorge, mein Herr! Die da springen nicht mehr. Sie sind am goldenen Drähtchen. Es geht ihnen wie dem Schmied Wieland, dem man die Kniekehlen durchschnitten hat.“ Der Mann hat literarische Kenntnisse. „Bitte schön, ich beschäftige mich sogar etwas wissenschaftlich mit dem Floh.“ „Menschenfloh?“ „Natürlich --- pulex irritans. Die andern sind nicht dressurfähig. Sie scheinen ihre ganze Intelligenz eben doch aus dem Safte des Menschen zu ziehen.“ „Da tun sie was Gescheites!“ „Ja“, fährt der Herr Direktor des augenblicklichen Eichstätter Volksfestwiesenflohzirkusses fort. „Sie stellten da ebene in wenig schwierige Fragen. Aber es freut mich, daß Sie die Aufmerksamkeit einmal auf ein anderes Gebiet lenken. Sie wollen wissen, was es mit der Flohseele für eine Bewandtnis hat. Natürlich haben die Flöhe so gut ihre Floh- wie die Hunde ihre Hundessele. Sie sind treu, anhänglich, verträglich, manchmal mürrisch und störrisch.

Es gibt gescheite und dumme Flöhe.

Die intelligentesten arbeiten als Jongleure. Aber auch die dümmsten sind nicht ganz dumm. Sie sind als Balletteusen eingesetzt.“ Und nach einer betroffenen Pause beschwichtigend: „Womit ich selbstredend nicht sagen will, daß menschliche Tänzerinnen dumm sind. Im Gegenteil, sie machen meist die besten Partien.“

Kommt man mit Strafen bei den Flöhen weiter?

Ob die Flöhe immer gleichmäßig stur die ihnen angewohnte Tätigkeit ausführen?“ frage ich. „Wägerle ziehen,m Karusselchen drehen, Mühle treiben, Würfel stoßen, und was alles diese putzigen Künste sind.“ „Durchaus nicht“, wird er pathetischer. „Es kommt vor, daß ohne ersichtliche Ursache so ein Racker – es sind alles Weibchen – einfach nicht mehr mag. Einfach – nicht – mag!“ „Ja, was tun Sie dann?“ „Nichts! Warten, bis er wieder mag!“ „Mit Strafen können Sie da nicht arbeiten? Peitsche? Hungern lassen? Einsperren? Zum mindesten anbrüllen?“ Der Mann sieht mich an, als ob er nie beim Kommiß gewesen wäre. „Dann mein Herr, geht erst recht nicht mehr. Wenn Sie schon ein wenig zu schimpfen anfangen, legen sich die Madamchens einfach hin. Vielleicht Ohnmacht! Jedenfalls nur mit Liebe flöten! Da geht’s am allerbesten.“

„Zeigen die Flöhe Ihnen gegenüber Sympathie?

Wie sind sie untereinander? „Gut gefragt! Von den 35 Stück, die ich auftreten lasse, hören an die zehn auf Namen. Laß ich sie vom Kettchen, dann springen sie raschestens wieder auf meine Hand, ihren Nährplatz. Das ist bestimmt Zuneigung. Untereinander sind sie verträglich: Platz für alle hat mein Arm.“

Kommt es auch vor, daß ein Floh krank ist?

„Freilich kommt das vor. Dann verhält er sich eben ganz lethargisch. Dauert die Sache länger an, muß er umgeschult werden. Auch der Floh hat seine guten und schlechten Tage. Starke Temperaturschwankung benimmt ihm die Arbeitsfreude. Da heißt es manchmal eine halbe Stunde lang Geduld haben, bis sich die Benommenheit wieder legt.“

Wann beginnt die Floh-Ausbildung?

„Schon mit einem halben Jahr. Die Rekrutenzeit dauert acht Wochen. Dann kommt das erste Auftreten.“

Bekommt ein Floh eine Altersversorgung?

„Sie leben nur höchstens ein gutes Jahr. Inzwischen wächst eine neue Generation von Artisten heran. Die toten Tiere sende ich an die wissenschaftlichen Institute, wo sie von Kapazitäten präpariert werden.“

Flöhe in der Literatur:

„Sie wissen wohl kaum, daß der Floh in die Literatur eingegangen ist?“ „Und ob!“ Aber auch in die Geschichte!“ Ich bin geschlagen. Mathes beginnt zu zitieren: „1593! Hören Sie, 1593 schrieb einer meiner Urvorfahren ein lateinisches Gedicht in scherzhaftem Ton:Floja, eine Abhandlung de flois – bitte sehr, dieses Latein verstehen Sie mit einiger Aufmerksamkeit bestimmt – also:

de flois, quae omnes Menschos,

Mannor, Weibras, Jungfrauas

behupfere et spitzigebus

schnablis stechere

et beißere pflegent,

de Greifholdo Knickicknackio.

Und 1864 erschien in flohklassischen Landen zu Moskau, ein dickes wissenschaftliches Buch über den pulex. Und hoffentlich wissen Sie im Goehtejahr, daß ihm auch der Große von Weimar – Faust, Szene in Auerbachs Keller – vierundzwanzig Verszeilen gewidmet hat, also so ziemlich genau zwei Promille der ganzen Dichtung.“ Und er beginnt: „Es war einmal ein König, der hatt´einen großen Floh...“

Floehe bei Goethe

Ich „Ach ja, richtig! Goethe wollte mit diesem Floh, der am Königshof als Minister zu regieren kommt, die Regierenden und ihre Hofgesellschaft in seinem Zeitalter ein wenig verulken! Es war übrigens die Zeit, da allgemein die Damen der höchsten Gesellschaft um den Hals noch eigens Flohpelzchen trugen, in denen sich ihre kleinen Gäste leicht verfingen, um zur Strecke gebracht zu werden.“ Jetzt strahle ich.

Zirkusfloh hätte fast die Geschichte durcheinandergebracht

Er: „Doch der Floh in der Literatur, das ist noch gar nichts. Ums Jahr 1808 hätte so ein Zirkusfloh fast die ganze napoleonische, zum mindesten die bayerische Geschichte durcheinandergebracht.“ Als Urbajuvare und Eichstätter sperre ich die Augen und Maul auf: „???“ „Ja, und das kam so:

Mein Ur-Ur-Großvater drufte vor König Max I. Und dessen allerdurchlauchigster Gemahlin sowie dem ganzen hohen männlichen und weiblichen Hofstaat mit seinem Flohtheater eine richtig gehende Vorstellung gegeben. Da er ein pädagogisch glänzender Dresseur war, konnte er seine Flöhe frei auf den kleinen Brettern, die auch die Welt bedeuten, herumspazieren lassen. Plötzlich aber, im letzten Akt der Vorstellung, ließ der Mann erschrocken den Kopf sinken und erklärte, er müsse sie zu seinem alleruntertänigsten Bedauern abbrechen, da der Hauptartist zu weit gesprungen sei. Es sei sein wertvollstes Exemplar. Er sei ruiniert, wenn er nicht mehr retourhüpfe.“ Nun fragte die Majestät Vater Max: „Glauben Sie, daß er unauffindbar sein wird?“ „Das nicht, Majestät. Er wird wahrscheinlich auf eine der anwesenden Personen losgegangen sein.“ „Juckts wen?“ lachte der König seinen Hofstaat an. Es juckte alle. „Dann ziehen wir uns halt zurück“, meinte er. „Wir werden das Luder“, – er sprach sehr gerne bayrisch, schon kriegen. Nur keine Angst nicht!“

In aller Zurückgezogenheit suchten die Herrn. In aller Verborgenheit suchten die Damen nach dem großen Floh. Schließlich fanden sie ihn bei ihrer Majestät, der Königin.

Allgemeine Erleichterung! Eine Hofdame trug den Ausreißer zwischen Daumen und Zeigefinger mit großer Sorgfalt, um ihn ja nicht zu zerquetschen. Der Direktor sah das Tierchen an, als er es glücklich zwischen seinen Fingern hatte. Wurde aber nur noch einen Schuß verzweifelter und rief klagend: „Majestät, der da ist´s nicht!“ „So gibt es“, schloß Direktor Mathes, „Wie Sie sehen mehr Tragik in einem solchen Flohzirkus, als man gemeiniglich annimmt.“

Meister der Tierpsychologie

„Meine Hochachtung, Herr Direktor, ob Krone oder Sarassani, Renz oder Mathes. Sie müssen alle Meister der Tierpsychologie sein.“ „Bitte, gerade die Familie Krone hat mir in dieser Richtung schon das Kompliment gemacht, ich hätte fertig gebracht, was ihr dem großen Elefantenspezialhaus noch nicht gelungen sei, nämlich Flöhe zu bedeutenden Artisten auszubilden. - Es gibt übrigens nur zwei Flohunternehmen in Deutschland. Das meine hat bisher die besten tierpädagogischen Resultate. Ich besuche zudem nur Städte, die mich einladen. Eichstätt hat mich eingeladen!“ Ich stelle befriedigt fest: „Ein weiterer Ansatz zum kulturellen Fortschritt unserer Stadt. - Indessen sollte Ihr Vorführungszelt nicht bloß auf Festwiesen stehen, sondern in den Vorhöfen unserer Hochschulen.“ „Leider muß ich auch aufs Geschäft sehen. Hochschulen haben am wenigsten Geld. Und außerdem könnte es den gelehrten Herren in Eichstätt nicht schaden, wenn sie zu einer kräftigen Wiesenmaß auch ihre wissenschaftliche Erholung hier in meiner Schau suchten. So ein Floh ist auch ein philosophisches Problem.“ „Bestimmt!“

Pathos

Und um nun meinerseits den literarisch versierten Mann zu zeigen, zitiere ich mit Pathos:

„Wüstenkönig ist der Löwe...

Wiesenkönig ist – der Floh!“

Die erste Zeile stammt von Freiligrath, Stolz werfe ich mich in die Brust: „Herr Direktor, meine geistige Gegengabe – die zweite Zeile ist von mir!“

 
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